Der Wirecard-Vorstand im Video (von links): Susanne Steidl, Markus Braun (Chef), Alexander von Knoop, James Freis, Jr. (Neueinsteiger) | © Screenshot Youtube Foto: Screenshot Youtube

Das große Beben

Der Wirecard-Absturz im Protokoll

Der 18. Juni 2020 geht in die Geschichtsbücher ein. Denn selten zuvor (wenn überhaupt) ist ein Mitglied des deutschen Leitindex Dax an einem einzigen Tag derart unter die Räder gekommen wie an diesem Tag der Zahlungsdienstleister Wirecard. Hier ist die Geschichte.

18. Juni 2020, 9.00 Uhr

Die Aktie von Wirecard (ISIN: DE0007472060) eröffnet mit einem Kurs von 99,50 Euro.

10.43 Uhr eine Ad-hoc-Mitteilung

Wirecard verschiebt den Termin, an dem es den Jahres- und Konzernabschluss für 2019 veröffentlichen will. Erneut. Es gebe Hinweise darauf, dass einige Saldenbestätigungen (also der Nachweis für Kontoguthaben) nicht korrekt seien.

Wörtlich heißt es:

Der Abschlussprüfer der Wirecard AG, die Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, München, hat die Wirecard AG darüber informiert, dass über die Existenz von im Konzernabschluss zu konsolidierenden Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden Euro (dies entspricht in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme) noch keine ausreichenden Prüfungsnachweise zu erlangen waren.

Es geht also um Geld auf Treuhandkonten. Und in dieser Hinsicht vermutet man bei EY, dass entweder die Banken, die die Treuhandkonten führen, oder der seit 2019 verantwortliche Treuhänder gefälschte Nachweise vorgelegt haben, um einen falschen Eindruck über das Vermögen zu erwecken.

Das kann im Extremfall heißen: Das Geld ist teilweise oder komplett gar nicht da. Sowas nennt man auch Betrug.

Am Ende der Nachricht noch der Hinweis: Wenn Wirecard nicht bis zum 19. Juni (also heute) einen bestätigten Abschluss vorlegt, können Kredite in Höhe von rund 2 Milliarden Euro gekündigt werden.

Diese Kreditgespräche mit den Banken dürften für Wirecard nicht ganz einfach werden. Der Aktienkurs sackt deutlich auf etwa 95 Euro.

11.08 Uhr

Wirecard wird etwas konkreter. Demnach handelt es sich bei den Banken um zwei asiatische Institute mit Investment-Grade-Rating, also guter Schuldnerqualität. Die 1,9 Milliarden Euro seien Sicherheiten, die Wirecard-Töchter eingezahlt haben, um „für das Risikomanagement für teilnehmende Händler zu garantieren“.

Vorstandschef Markus Braun wird zitiert: „Wir stehen im Austausch mit dem vor Ort anwesenden Treuhänder. Frühere erteilte Bestätigungen der Banken wurden vom Wirtschaftsprüfer nicht mehr anerkannt. Alle Beteiligten sind um schnellstmögliche Aufklärung bemüht. Ob betrügerische Vorgänge zum Nachteil der Wirecard AG vorliegen, ist derzeit unklar. Die Wirecard AG wird Anzeige gegen unbekannt erstatten.“

Mittlerweile ist der Aktienkurs unter 50 Euro getaucht.

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