Krisenprogramm der EZB Das sagen Finanzexperten zu den neuen Anleihekäufen

Die Europäische Zentralbank (EZB) will ihr Corona-Hilfsprogramm ausweiten. 600 Milliarden Euro zusätzlich sollen mittels Staats- und Unternehmensanleihen in den Finanzkreislauf der Eurozone fließen. Das Geld soll helfen, die finanziellen Folgen der Corona-Krise abzumildern. Diese schätzen die Währungsexperten mittlerweile als dramatisch ein: Um 8,7 Prozent könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) 2020 gegenüber dem Vorjahr einbrechen, so die aktuelle Prognose.

Während die Leitzinsen bei 0 Prozent beziehungsweise minus 0,5 Prozent auf Einlagen bei der EZB verharren, legt die Notenbank ganz gezielt bei den Anleihekäufen noch einmal nach. Bisher waren 750 Milliarden Euro Krisenhilfe angesetzt, jetzt sind es 1,35 Billionen Euro. Die monetäre Corona-Hilfe, die bei der EZB den Namen Pandemic Purchase Programme, PEPP, trägt, soll neuerdings auch nicht nur bis Jahresende, sondern bis mindestens Ende Juni 2021 laufen.

In einem viel beachteten Urteil hatte der Bundesverfassungsgericht kürzlich die Frage erörtert, ob die Käufe der EZB wirklich verhältnismäßig seien und ob die Notenbank damit nicht ihre Befugnisse überschreite. Die Verfassungsrichter forderten: Anleihekäufen im Rahmen des schon laufenden Programms PSPP (Public Sector Purchase Programme) sollten die EZB-Vertreter stets gut begründen – gegenüber der Bundesregierung und dem Bundestag, die dann erst ihr Go geben müssten, bevor die Bundesbank zur Umsetzung schreitet. Das Corona-Hilfsprogramm PEPP hatten die Karlsruher Richter allerdings explizit aus ihrer Kritik ausgeklammert.

Das sagen Finanzprofis zur heutigen EZB-Entscheidung:


„Die EZB überrascht verlässlich“

Ulrike Kastens, Volkswirtin Europa bei DWS:
Auch wenn die Markterwartungen noch so hoch sein mögen, so gelingt es der EZB immer wieder, für Überraschungen zu sorgen. Das war unter Draghi so, und auch auf die neue EZB-Präsidentin Lagarde ist Verlass. Wie sich heute wieder einmal zeigt, bleibt die EZB ein verlässlicher Partner für die Kapitalmärkte und unterstützt, wann und wo immer der Schuh drückt. Angesichts der Tiefe der Rezession in der Eurozone, die nach Schätzungen der Zentralbank in diesem Jahr zu einem Rückgang des BIP um 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr und zu einer mäßigen Erholung um 5,2  Prozent im kommenden Jahr führen sollte, sah sich die EZB wohl zu diesem großen „Schluck aus der Pulle“ genötigt.

Dazu trug wohl bei, dass auch die Inflationsraten weiter deutlich unter der 2-Prozentmarke bleiben dürften. Ziel ist es, das hat Lagarde vielfach wiederholt, die finanziellen Rahmenbedingungen wieder zu verbessern. Diese sind für die konjunkturelle Erholung essentiell. Zudem sorgt die Anhebung des PEPP-Volumens und die Ausdehnung bis Juni 2021 für Stabilität in den Erwartungen. Dies wird auch weiterhin den Peripherieländern helfen. Selbst wenn die Zentralbank im Rahmen des PEPP weiter im jetzigen Tempo kaufen würde, sollte das Volumen bis Frühling 2021 ausreichen.

Eine Anmerkung: Die Verhältnismäßigkeit der Geldpolitik, also die Kosten-Nutzen-Analyse der geldpolitischen Entscheidungen, wurde unserer Meinung nach auf keiner Pressekonferenz so deutlich in den Vordergrund gestellt wie heute. Auch wenn nach Ansicht der EZB der Europäische Gerichtshof für sie bindend ist, so könnte das Karlsruher Urteil doch einen Schritt in Richtung mehr Transparenz bringen.



„EZB – der einzige Käufer weit und breit“

Jon Day, Fondsmanager des  BNY Mellon Global Dynamic Bond Fund:

„Heute Nachmittag hat die Europäische Zentralbank ihr Pandemie-Notkaufprogramm um 600 Milliarden Euro erhöht und die Laufzeit bis Ende Juni 2021 verlängert. Damit entsprach die EZB im Großen und Ganzen den Markterwartungen. Staatsanleihen aus der zweiten Reihe reagierten positiv auf die Ankündigung.

Angesichts des Emissionsvolumens sowohl von Staats- als auch von Unternehmensanleihen hatte die EZB allerdings auch kaum eine andere Wahl, als ihr Programm zu erhöhen und zu verlängern. Die Unsicherheit am Markt, wie schnell sich die Wirtschaft erholen wird, ist nach wie vor hoch. So benötigen die Unternehmen dringend Cash, um ihre Bilanzen zu stabilisieren. Die EZB gibt die notwendige Hilfe und verringert den Druck auf den Markt, die Anleiheemission zu absorbieren.

Die Aufstockung des Programms dürfte den Großteil der gestiegenen Neuemissionen aufsaugen. Das ist wichtig, da die Renditen von Staatsanleihen, insbesondere für die Kernmärkte, sehr niedrig und auf einer währungsgesicherten Basis für ausländische Investoren nicht attraktiv sind. Fazit: Die EZB – der die Renditen gleichgültig sein können – ist praktisch der einzige Käufer weit und breit.

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