Redakteur Andreas Harms Foto: Nadine Rehmann

Kommentar zum Goldpreis

Ran an den Barren, weg vom Barren – oder was?

Es gibt immer wieder diese Momente, an denen ich mich frage, ob die sogenannten Marktexperten mich veräppeln wollen. Oder in diesem Fall: verbarren wollen. Tatsächlich heißt es in Bezug auf Gold doch seit Jahren oder gar Jahrzehnten: Gold schützt davor, dass Geld seinen Wert verliert. Es ist beständig, rostet nicht mal und verliert schon gar nicht seinen Wert. Sogar über tausende von Jahren. Wobei ich mich da immer frage, wem das eigentlich was bringen soll.

Und so kennen die Goldfreunde derzeit vor allem dieses Argument: Die Zentralbanken fluten die Märkte mit gedrucktem (oder elektronisch erschaffenem) Geld, die Wirtschaft wird sich dank Finanz- und Covid-Spritzen erholen, die Inflation anziehen – und der Goldpreis damit steigen. Gar kein Zweifel.

Oder doch?

Denn der Goldpreis will dieser Kausalkette bislang nicht so richtig folgen, so oft die Menschen sie auch wiederholen. Stattdessen las ich im Handelsblatt eine ganz andere Überschrift: „Gestiegene Inflationserwartung drückt den Goldpreis“. Angeblich führe die schneller als erwartet steigende Inflation dazu, dass die realen Renditen anziehen, wird eine Expertin namens Margaret Yang zitiert.

Das ist in dieser direkten Art ausgedrückt, leider falsch. Denn wenn die Inflation steigt, sinkt bei ansonsten unveränderten Renditen die reale Rendite. Denn die berechnet sich immer aus der nominalen Rendite minus Inflation. Sinkt aber die reale Rendite, steigt der Goldpreis, denn der reagiert tatsächlich ziemlich direkt darauf. Dann läge Yang aber falsch.

Wahrscheinlich hat sie – wie bei einem Gedankensprung – einen Zwischenschritt ausgelassen: Nämlich dass die nominalen Renditen auf die Inflation reagieren. Also dann so: Wirtschaft wächst kräftig, Inflation auch – Notenbank muss Zins erhöhen, und auch am langen Ende steigen die Renditen der Staatsanleihen. Und zwar stärker als die Inflation, denn nur dann steigt die reale Rendite wirklich. Und nur dann sinkt der Goldpreis.

Bleibt somit die Frage: Ja, was denn nu? Und es bleibt das blöde Gefühl, dass man sich zwar die schönsten Kausalketten zusammenbauen kann, es am Ende aber doch wieder anders kommt. Und dann kommt aus dem Nichts die Erklärung, warum das so ist.

Hören wir also auf, auf steigende Goldpreise zu hecheln, sondern halten uns an die bewährten Fakten. Die sind auf jeden Fall besser gesichert als Prognosen darüber, was der Goldpreis nächsten Monat macht:

  • Gold wird wohl immer irgendwie einen Wert haben, was man von Staatsanleihen (und leider auch vom Bitcoin) nicht behaupten kann
  • Sollten die Zentralbanken die derzeitigen Währungen (wissend oder unwissend) tatsächlich in den Grund bohren, wird es für Gold auch in der Folgewährung, vielleicht dem Neuro, einen Preis geben (siehe vorherigen Punkt)
  • Gold rostet tatsächlich nicht, weshalb man es auch sehr schön im Garten vergraben kann
  • Wenn es jemand anderes in diesem Garten findet und klaut, ist es weg

Aber: Gold ist auch eine sehr emotionale Angelegenheit, was man dem Preis leider viel zu oft ansieht. Und damit ist es als kurzfristiger Schutz vor moderaten Inflationsszenarien unbrauchbar. Das hatte schon in den inflationsintensiven Neunzigern nicht wirklich funktioniert, und jetzt wird es einmal mehr deutlich.

Stattdessen sollte man sich bei Gold auf das beschränken, was erfolgreiche Fondsmanager wie Bert Flossbach seit Jahren tun: Es als Versicherung gegen den ultimativen Unfall ansehen, zum Beispiel:

  • Die EZB überspannt den Bogen, und die Menschen verlieren das Vertrauen in den Euro und lassen ihn fallen?
  • Die Staatsschulden nehmen überhand und werden gestrichen und das Geld aus den Anleihen ist weg?
  • Die Geldflut überschwemmt alles und löst eine Hyperinflation aus?
  • (hier könnte Ihr persönliches Horrorszenario stehen)

Doch in diesen Extremfällen hilft Gold tatsächlich und bewahrt höchstwahrscheinlich zumindest einen Teil des Vermögens. Und das ist ja immerhin was. Und wenn dann sogar noch der Preis endlich mal steigen würde ...

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